Märchen – Anja und die Eiche

marchenAnja war ein junges Mädchen, das mit ihren Eltern in einem kleinen Dorf lebte. Ihre Eltern
waren sehr arm. Oft gab es nicht einmal genug zu essen. Als Anja 15 Jahre alt war, sagte ihr
Vater, dass sie nun selbst für sich sorgen müsse. Also machte sich Anja auf den Weg, um Arbeit
zu finden. Nach langer Wanderung kam sie an ein Schloss, in dem ein reicher Graf wohnte. Im
Garten sah sie einen Burschen, der sich an den herrlichen roten Rosen zu schaffen machte. Sie
fragte ihn, ob es hier wohl noch Arbeit für sie gäbe.
Der Gärtnerbursche meinte, sie solle nur mal beim Hausdiener nachfragen. Als sie an die Tür des
Schlosses klopfte, öffnete ihr ein großer, kräftiger Mann in einem vornehmen Anzug. Auf ihre
Frage, ob sie hier arbeiten könne, meinte der Diener, er müsse erst mal den Herrn Grafen fragen,
aber in Küche würde noch jemand gebraucht. Sie solle erstmal warten. Nach wenigen Minuten kam
der Diener wieder. Anja sollte in die Küche gehen, dort würde man ihr sagen, was sie zu tun
hätte. Nun begann für Anja eine harte Zeit.
Die Küchenmagd war eine strenge, grausame Person. Nicht konnte man ihr recht machen. An allem
und jedem hatte sie etwas auszusetzen. Und wenn Anja einen Fehler machte, kam es schon mal vor,
dass sie nichts zu essen oder Schläge bekam. Anjas einziger Trost war der nahe gelegene Wald,
in dem sie wann immer es ihre Zeit erlaubte spazieren ging. Die Vögel, das Wild und die Ruhe
waren es, die ihr die Kraft gaben, all das durchzuhalten.
 
Eines Tages war es mal wieder besonders schlimm. Sie hatte ein Glas fallen lassen und die
Küchenmagd hatte sie deswegen geschlagen. Ihr Körper schmerzte und lechzte nach Erholung. Zu
lange hatte sie all dies schon ertragen. Weinend war sie fortgelaufen und hatte sich im Wald

unter einen Baum gesetzt. Ins Schloss wollte sie auf keinen Fall mehr zurück. Sie lauschte dem
holden Singen der Vögel. Einige Rehe zogen an ihr vorbei und Hasen spielten zu ihren Füßen. Die
friedvolle Ruhe des Waldes tat ihr gut. So beruhigte sie sich langsam wieder. Doch wo sollte sie
nur hin?
 
Traurig, mit hängenden Schultern machte sie sich wieder auf den Weg. Stundenlang irrte sie so
im Wald herum. Es war mittlerweile schon dunkel geworden. Sie war müde. Also legte sie sich in
das weiche Gras, um ein wenig zu schlafen. Als sie wieder erwachte, war es bereits heller Morgen.
Die Sonne strahlte so hell, wie sie es noch nie erlebt hatte. Wohlige Wärme umfing sie. Als sie
weiterging, fand sie eine alte verwitterte Hütte. Sie klopfte, und als niemand öffnete schaute
sie durch die Fenster um zu sehen ob jemand da sei. Doch die Hütte war leer. Es standen nur ein
Bett, ein paar Stühle und ein Tisch darin. Sie dachte bei sich, dass sie sich hier gewiss ein
wenig ausruhen könnte. Wenn der Besitzer käme, könne sie ja wieder gehen. Da die Hütte recht
schmutzig war, begann sie, sauberzumachen.
 
Sie kehrte und wischte den Boden, säuberte den Tisch und klopfte die Decke und das Kissen des
Bettes aus. Dann ging sie hinaus auf die nahe liegende Wiese um ein paar Blumen zu pflücken.
Sie suchte auch noch einen hohlen Ast und füllte ihn am Bach mit Wasser, um die Blumen hinein
zu stellen. Als sie die Blumen dann auf den Tisch gestellt hatte, sah die alte Hütte schon
ziemlich heimelig aus. In der Zwischenzeit war es Mittag geworden und Anja merkte, dass sie
Hunger hatte.
 
So ging sie in den Wald, um ein paar Beeren zu suchen. Die gab es hier in Hülle und Fülle. Pralle
große Himbeeren, dunkelblaue fast schwarze Heidelbeeren und die kleinen süßen Walderdbeeren. Bei
ihrer Sammelei stieß sie auf eine große, mächtige Eiche. Sie erschrak nicht schlecht, als die
Eiche plötzlich zu ihr sagte:
 
“Danke Dir dafür, dass Du meine Hütte so schön hergerichtet hast”

“Wieso Deine Hütte?” fragte Anja. “Ein Baum kann doch keine Hütte haben.”

Da antwortete die Eiche “Ich war nicht immer eine Eiche. Einst war ich ein Prinz.
Doch da mein Vater sein Volk ausnutzte und quälte, wurde unsere ganze Familie verjagt.
Und so kam ich in diesen Wald und baute mir die kleine Hütte.”

“Aber warum bist du ein Baum?”

“Das ist eine andere Geschichte. Unser Volk hatte einen so großen Zorn auf unsere Familie,
dass es zusätzlich noch einen Zauberer aussandte, der uns für alle Zeiten unschädlich
machen sollte. Er war es, der mich in diesen Baum verwandelte.”

“Und es gibt keine Möglichkeit, diesen Bann wieder zu brechen?” fragte Anja.

“Ich weiß es nicht, aber irgendeine Möglichkeit gibt es bestimmt” antwortete die Eiche.

“Darf ich denn in Deiner Hütte wohnen? Ich weiß sonst nicht, wo ich hin soll.” fragte Anja.

“Aber gewiss doch. Ich selbst kann ja nicht darin wohnen” antwortete die Eiche. Es dunkelte
und Anja ging wieder zur Hütte zurück.
 
Die ganze Nacht ließ ihr das Gespräch mit der Eiche keine Ruhe. Irgendwie musste ihr doch zu
helfen sein. Da kam ihr ein Gedanke. Sie würde das Land des Prinzen suchen und versuchen den
Zauberer zu finden, damit er seinen Bann löse. Am nächsten Morgen machte sie sich frohgemut auf
den Weg. Es dauerte nicht lange, da kam sie in eine Stadt. Sie fragte einige Leute nach dem
Zauberer und schließlich konnte ihr ein Bauer den Weg zu dessen Zauberschloss sagen. Das Schloss
lag auf dem Gipfel eines hohen Berges außerhalb der Stadt. Nach mehrmaligem Klopfen gewährte der
mächtige Zauberer ihr Einlass und fragte sie nach ihrem Begehr. So erzählte sie ihre Geschichte
und dass sie der Eiche helfen wolle.

“Überzeuge die Bewohner der Stadt, dass der junge Prinz ihre Geschicke besser führen würde als
sein Vater und fordere sie auf, den Bann zurückzunehmen. Nur so kann der Bann gebrochen werden”
sagte der Zauberer “Ich selbst kann nichts dazu tun.”

“Aber wie soll ich das denn machen?” fragte Anja.

“Nun, das Volk darbt, es hat Hunger und der jetzige Herrscher ist ungerecht und behandelt
das Volk sehr schlecht. Ich denke, da hat der junge Prinz durchaus die Chance wieder ange-
nommen zu werden.” Vollkommen verwirrt verließ Anja den Zauberer wieder. Sie hatte keinerlei
Gedanken, wie sie das Volk überzeugen sollte.

So ging sie wieder in den Wald zu der Eiche und erzählte ihr, was der Zauberer zu ihr gesagt
hatte. “Ich weiß einfach nicht, wie ich Dein Volk überzeugen soll, dass Du anders als Dein
Vater bist” stöhnte sie. Da ging plötzlich ein Rascheln durch die Blätter der Eiche und kleine
güldene Kügelchen fielen aus ihrer Krone.

“Gib meinem Volk dies. Es soll ihren Hunger lindern.”

“Aber wie kann Gold den Hunger lindern?” fragte Anja.

“Es sind keine Kugeln aus Gold, es sind Wunderkugeln. Jeder der eine davon bei sich trägt,
braucht nie wieder Hunger leiden” antwortete die Eiche.

Also sammelte Anja die kleinen Kügelchen auf und machte sich auf den Weg, um sie unter dem Volk
des Prinzen zu verteilen. Jedem, dem sie eine solche Kugel gab, sagte sie, dass der Prinz ihnen
das schicke. Als Anja mit ihrem Werk fertig war, machte sie sich müde und erschöpft auf den
Heimweg. Ihr Weg führte sie sofort zu der mächtigen Eiche, doch o Gott, wo war sie??? Sie
schaute sich suchend um, aber nirgendwo konnte sie die Eiche entdecken. Traurig machte sie sich
auf den Weg zur Hütte. Doch auch die war fort. Stattdessen stand dort plötzlich ein herrliches
Goldenes Schloss. Ein riesiger Rosengarten mit herrlichen Wiesen und Bäumen umgab es. Anja wagte
gar nicht, es zu betreten. Doch schon im Garten kam ihr ein wunderschöner Prinz entgegen.

“Komm nur herein, meine Retterin. Es soll Dir an nichts mehr fehlen. Mein Volk hat mir
vergeben und mich wieder in Freuden als ihren Herrscher aufgenommen.”

Scheu ging Anja auf den Prinzen zu.

“Bbbiiiissst Duuuu die Eiiichhe?” stotterte sie.

“Ja, meine kleine, die bin ich. Durch Deine Hilfe ist der Bann gebrochen worden. Willst
Du für immer meine kleine Königin sein???”

“Ja, von Herzen ja” sagte Anja, denn sie hatte sich auf den ersten Blick in den schönen
jungen Prinzen verliebt. Und so dauerte es nicht lange, bis das Volk seinem geliebten Herrscher
ein rauschendes Hochzeitsfest ausrichtete.

Alle lebten fortan ohne Not und Leid. Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben
sie noch heute.

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